Kategorie: Betriebsalltag | 8 Min. Lesezeit
Kurzübersicht:
Öffnungszeiten kürzen, Ruhetage einführen, oder Angebot verkleinern – was früher undenkbar war, ist heute Alltag in der Schweizer Gastro. Der Personalmangel ist kein vorübergehendes Problem – er ist die neue Realität & wird sich in den nächsten Jahren noch intensivieren – sollte uns die KI nicht tausende Büroangestellte in die Betriebe schwemmen. Dieser Beitrag zeigt dir sechs konkrete Hebel, mit denen du deinen Betrieb auch mit weniger Leuten am Laufen hältst. Ohne Werbung für irgendein Tool.
Zuerst die unbequeme Wahrheit #
Die Leute kommen nicht zurück & der Nachwuchs ist rar. Während Corona verlor unsere Branche Tausende Mitarbeitende an andere Branchen – Detailhandel, Logistik, Büro. Das war schmerzhaft. Doch weit aus schlimmer werden uns die Pensionierungen der nächsten 8–10 Jahre treffen. Eine ganze Generation erfahrener Gastro-Profis geht in Rente – und es rückt schlicht nicht genug nach. Wer heute noch sucht, konkurriert mit Löhnen und Arbeitszeiten, die in anderen Branchen schlicht attraktiver sind.
Die Lösung ist nicht eine einzige Massnahme. Es ist ein Mix aus sechs Hebeln – und jeder Betrieb muss seinen eigenen Mix finden.
Hebel 1: Prozesse vereinfachen – bevor du digitalisierst #
Bevor du Geld für irgendein System ausgibst, stell dir eine Frage: Wo verliere ich jeden Tag Zeit, die niemandem etwas bringt?
Typische Zeitfresser, die nichts mit Personal zu tun haben:
- Speisekarte mit 45 Gerichten, von denen 12 kaum bestellt werden
- Mise en place für Gerichte, die am Abend dreimal über den Pass gehen
- Lager voller Zutaten, die nur für ein einziges Gericht gebraucht werden
- Drei verschiedene Lieferanten für Produkte, die einer liefern könnte
Was du tun kannst:
- Karte radikal kürzen. Weniger Gerichte = weniger Vorbereitung = weniger Leute in der Küche. Die besten Restaurants der Welt haben kleine Karten – nicht aus Faulheit, sondern aus Effizienz & klarer Positionierung (aber dazu mehr in einem meiner Videos)
- Arbeitsabläufe beobachten. Stell dich einen Abend hin, beobachte und zähle: Wie oft läuft dein Servicepersonal unnötig hin und her? Wie oft wartet jemand? Wo stehen Leute rum?
- Vorbereitung zentralisieren. Alles, was nicht à la minute sein muss, kann vorproduziert werden. Saucen, Fonds, Desserts, Beilagen – je mehr du vorbereiten kannst, desto weniger Hände brauchst du im Service. Das kleine 1×1 der Gastro – doch ab & zu wieder erwähnen schadet nicht
Das klingt banal. Aber die meisten Betriebe optimieren nie ihre Abläufe, weil „es halt immer so gemacht wurde“.
Hebel 2: Deine Speisekarte ist dein Personalplan #
Die Karte bestimmt, wie viele Leute du brauchst. Nicht umgekehrt.
Faustregel: Jedes Gericht, das einen eigenen Vorbereitungsschritt, ein eigenes Gerät oder eine eigene Zutat braucht, kostet dich saumässig viel Geld & Arbeitszeit – und damit Personalkosten.
Konkret:
Ein Gericht, das 6 Minuten aktive Fertigungszeit im Service braucht (ohne passives Garen, das das Gericht ohne Koch erledigt), verursacht bei 30 Bestellungen pro Abend rein rechnerisch 3 Stunden Aufwand im Abendservice. Natürlich arbeitet dein Koch simultan an mehreren Gerichten – die Zeit verteilt sich also auf verschiedene Köpfe und Posten. Aber sie fällt an.
Wenn du dieses Gericht durch eines ersetzt, das nur 3 Minuten aktive Fertigungszeit braucht, sparst du rein rechnerisch 1,5 Stunden. Pro Abend. Ohne jemanden zu entlassen.
Geh deine Karte durch und frag bei jedem Gericht: Was kostet mich das an Zeit? Und dann: Ist der Deckungsbeitrag hoch genug, um diese Zeit zu rechtfertigen?
Wenn nicht – raus damit.
Hebel 3: Gäste einbinden – aber richtig #
Self-Ordering, QR-Codes am Tisch, Bestellung per Smartphone – das ist kein Zukunftsthema mehr. Aber es muss zum Konzept passen.
Wo es funktioniert:
- Cafés, Bars und Casual-Dining-Konzepte. Gäste erwarten hier keinen klassischen Tischservice und akzeptieren Self-Service ohne Widerstand
- Mittagsgeschäft. Wer in der Pause kommt, will schnell bestellen und schnell zahlen. Hier spart eine digitale Bestellung dem Service tatsächlich Laufwege – & es macht die Gäste unter Zeitdruck spürbar glücklicher
- Getränkebestellungen. Die zweite Runde Wasser oder den Kaffee nach dem Essen kann ein QR-Code erledigen
- Gäste, die Interaktion scheuen. Nicht jeder will angesprochen werden. Manche Gäste bestellen lieber in Ruhe über einen Bildschirm oder ein Smartphone – ohne Druck, ohne Bewertung, in ihrem eigenen Tempo. Das ist kein Nachteil, das ist ein Service
Wo es nicht funktioniert:
- Gehobene Gastro. Wenn ein Gast CHF 85.00 für ein Menü zahlt, will er nicht sein Handy zücken, um eine Cola nachzubestellen
- Ältere Zielgruppen. Nicht jeder Gast ist digital unterwegs – und das musst du respektieren
Der Trick: Du musst es nicht für alle machen. Ein hybrides Modell reicht: QR-Code als Option auf dem Tisch, aber trotzdem jemand da, der fragt. Wer will, bestellt digital. Wer nicht will, bekommt Service. Aber dein Personal hat weniger zu tun, weil ein Teil der Bestellungen automatisch reinkommt.
Hebel 4: Klügere Planung statt mehr Köpfe #
Die meisten Gastronomen planen Personal nach Bauchgefühl. „Freitag ist immer voll, also alle Mann an Deck.“ Das Problem: „Voll“ ist relativ. Und an einem regnerischen Freitag im März zahlst du fünf Leute, obwohl drei womöglich gereicht hätten.
Was du brauchst:
- Deine tatsächlichen Zahlen. Wie viele Gäste hattest du letzte Woche Montag? Und den Montag davor? Und was war der Umsatz pro Stunde?
- Ein simples Planungssystem. Das kann eine Excel-Tabelle sein. Keine Angst: Du brauchst kein KI-gestütztes Workforce-Management. Du brauchst eine ehrliche Auswertung deiner Kassendaten
Beispiel:
Du stellst fest, dass Dienstag bis Donnerstag mittags nie mehr als 35 Gäste kommen. Bisher hattest du trotzdem 3 Serviceleute eingeplant. Mit den Zahlen vor Augen siehst du: 2 reichen locker. Das spart dir 12 Stunden Lohn pro Woche – oder CHF 480.00 bei einem Brutto-Stundenlohn von CHF 40.00.
Auf den Monat: CHF 1’920.00. Auf das Jahr: über CHF 23’000.00. Nur durch Planung.
Hebel 5: Personal halten statt ständig suchen #
Jede Kündigung kostet dich ABARTIG VIEL Geld. Nicht nur das Inserat und die Einarbeitungszeit – sondern auch die verlorene Routine, die Fehler von neuen Leuten und die Belastung für den Rest des Teams.
Was Mitarbeitende in der Gastro wirklich wollen:
- Planbare Arbeitszeiten. Der Dienstplan, der freitags für die nächste Woche kommt, ist Gift. Je früher der Plan steht, desto zufriedener ist dein Team
- Faire Bezahlung. Die Mindestlöhne in der Gastro sind bekannt. Wer CHF 50.– oder CHF 100.– mehr im Monat zahlt als der Betrieb nebenan, hat weniger Fluktuation. Rechne nach: Eine Kündigung plus Neubesetzung kostet dich schnell CHF 5’000.– bis CHF 10’000.–. Da sind CHF 100.– Monatslohn-Zuschlag die günstigere Variante
- Respekt und Wertschätzung. Klingt weich. Ist aber der Hauptgrund, warum Leute kündigen – nicht das Geld
- Mitsprache. Lass dein Team bei der Kartengestaltung mitreden, bei den Abläufen, bei den Schichten. Wer mitgestalten darf, bleibt länger
Hebel 6: Gezielt digitalisieren – nicht alles auf einmal #
Digitalisierung ist kein Allheilmittel. Aber an den richtigen Stellen spart sie dir echte Arbeitsstunden.
Wo Digitalisierung am meisten bringt:
- Bestellen & Kassieren mit einem Gerät. Moderne mobile Kassensysteme vereinen Bestellaufnahme und Kartenterminal in einem einzigen Handgerät. Dein Service nimmt die Bestellung direkt am Tisch auf, die geht sofort in die Küche – kein Laufweg zur Kasse, kein Bonzettel, kein Übertragungsfehler. Kassiert wird am Ende genauso direkt am Tisch. Der Tagesabschluss? Minuten statt einer halben Stunde. Dein Team spart sich Tausende unnötige Schritte pro Tag und kann sich auf das konzentrieren, was zählt: den Gast
- Digitale Reservierung. Kein Telefon mehr, das klingelt, während du im Service stehst. Gäste buchen online, du siehst morgens, was auf dich zukommt. Keine verlorenen Fresszettel & keine stinkigen Gäste, weil der reservierte Tisch nicht im Reservationsbuch auffindbar ist
- Digitale Schichtplanung. Statt WhatsApp-Chaos und Zettelwirtschaft eine klare Übersicht: Wer arbeitet wann, wer ist verfügbar, wer hat getauscht
Wo du aufpassen musst:
- Nicht drei verschiedene Systeme kaufen, die nicht miteinander reden. Das schafft mehr Chaos, nicht weniger
- Kein System einführen, das dein Team nicht versteht oder nicht will. Die teuerste Software nützt nichts, wenn niemand sie benutzt
- Nicht digitalisieren, um modern zu wirken. Digitalisieren, um konkret Zeit oder Geld zu sparen. Wenn du den konkreten Nutzen nicht benennen kannst, brauchst du es nicht
Deine Aufgabe #
- Geh deine Speisekarte durch: Welche Gerichte kosten unverhältnismässig viel aktive Fertigungszeit?
- Miss eine Woche lang deine tatsächliche Gästefrequenz pro Stunde – und vergleiche sie mit deinem Personalplan
- Frag dein Team: Was nervt euch am meisten im Arbeitsalltag? (Die Antworten werden dich überraschen)
- Rechne aus: Was kostet dich eine Kündigung wirklich? Und was würde es kosten, sie zu verhindern?
- Zähle einen Abend lang die Laufwege deines Service – und frag dich, welche davon ein mobiles Kassensystem oder ein QR-Code überflüssig machen könnte
Fazit #
Personalmangel löst du nicht mit einem einzigen Tool und nicht mit einer einzigen Massnahme. Du löst ihn, indem du deinen Betrieb so aufstellst, dass du mit weniger Leuten genauso gut arbeiten kannst – und die Leute, die da sind, halten willst. Prozesse vereinfachen, Karte verschlanken, Gäste einbinden, klüger planen, Personal halten, gezielt digitalisieren – sechs Hebel, jeder für sich machbar.
Und vergiss nicht: Die Pensionierungswelle kommt. Wer heute anfängt, seinen Betrieb schlanker und smarter aufzustellen, steht in fünf Jahren deutlich besser da als alle, die hoffen, dass irgendwann wieder genug Leute kommen.
Der erste Schritt? Hinschauen. Ehrlich hinschauen. Nicht „es hat immer so funktioniert“, sondern „funktioniert es wirklich noch?“